ISLAND 2011

Die Isländer kommen: Als Gastland ist Island auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse präsent und vorher schon in Bonn! Und die Isländer haben viel zu erzählen – nicht nur von Finanzkrise und Vulkanasche.

 

Kein anderes Land der Welt verfügt über eine ähnlich hohe Zahl an Schriftstellern, gemessen an der Einwohnerzahl. Und das hat Gründe: Schließlich gibt es kaum bekannte Künstler oder Musiker, keine monumentale Architektur, nur die großartige Natur. Es gab und gibt vor allem eine Literatur von Weltrang. Seit dem Mittelalter überlieferte man die Lieder der Edda und die Geschichten der Familien-Sagas.

Die alten Handschriften prägten nicht nur das nationale Erbe, in ihnen drückt sich auch das kulturelle Gedächtnis des Landes aus. Kein Wunder, dass sich die heutigen Autoren daran messen lassen müssen – gleichgültig, ob sie sich an diese Vorbilder anlehnen oder von ihnen frei schreiben wollen, wie es zum Beispiel der Nobelpreisträger Halldór Laxness tat.

 

In Bonn stellt das Literaturhaus gemeinsam mit der Universität eine Reihe von interessanten Autoren vor. Etablierte sind ebenso darunter wie Schriftsteller einer jüngeren, urban geprägten Generation. Freuen Sie sich auf ein spannendes und abwechslungsreiches Programm!

 

 

Köln-Bonner Arbeitsgespräche 2011

Aus dem Mittelalter sind aus Island nicht nur die berühmten Isländersagas, die eddische Götter- und Heldendichtung und die enigmatische Skaldendichtung überliefert, sondern es wurde auch Literatur vom Kontinent rezipiert und in ganz eigene isländische Formen gegossen. Lateinische und andere Vorlagen wurden ins Altisländische übertragen und für das nordische Publikum adaptiert. Die so entstandenen Antikensagas brachten Homers Ilias, Sallust und Lukan, den Alexanderroman sowie die Historia Regum Britanniae des Geoffrey of Monmouth, die unter anderem von König Artus berichtet, in den Norden. Die Forschung zu dieser Sagagattung kam Ende der 1990er Jahre in Fahrt, und in neuester Zeit wird ebenfalls wieder vermehrt darüber gearbeitet.

 

Aktuelle Fragestellungen sind die Transmission der einzelnen Textzeugen sowie übersetzungstheoretische Fragen des Kulturtransfers, wie sie auch derzeitige Forschungsprojekte zu den übersetzten Rittersagas bearbeiten. In der Bonner Abteilung für Skandinavische Sprachen und Literaturen entsteht derzeit zudem die Datenbank Trollnorr zum Literatur- und Wissenstransfer nach Norwegen und Island von den Anfängen der Schriftlichkeit bis zur Reformation (ca. 1050 –1550).

 

Die Arbeitsgespräche sollen aktuelle internationale Forschung in Köln und Bonn versammeln sowie die fachliche Kooperation der beiden rheinischen Nachbaruniversitäten fördern.

 

 

Mittwoch, 24. Mai 2011

Die Insel und die Weltliteratur I

Die Transmission der altnordischen Antikensagas

Universität zu Köln, Hauptgebäude, Neuer Senatssaal

10:45 Uhr Einführung, Begrüßung

11:00-12:00 Uhr Þorbjörg Helgadóttir (Kopenhagen):

The lost redaction of the older version of Rómverja saga

12:00-13:00 Uhr Jonatan Pettersson (Stockholm/Uppsala):

The art of free translation – Gauthier de Châtillon’s Alexandreis and the Old Norse translation in Alexanders saga

Mittagspause

14:00-15:00 Uhr Sabine Walther (Bonn):

Trojaner auf Island – Trójumanna saga als Literaturtransfer

15:00-16:00 Uhr Regina Jucknies (Köln/Bonn):

Schwedische Antikensagas? Überlegungen zur Transmission altostnordischer Literatur

Kaffeepause (anschließend Abfahrt nach Bonn)

Universität Bonn, Hauptgebäude, Bibliothek der Abteilung für Skandinavische Sprachen und Literaturen

17:30-18:15 Uhr Hélène Tétrel (Brest):

Breta sögur – Die Verwendung Galfridischen Materials in der altisländischen Historiographie

18:15-19:00 Uhr Abschlussdiskussion

 

Dies Academicus; Mittwoch, 25. Mai 2011

Die Insel und die Weltliteratur II

Tradition und Wirkung der mittelalterlichen Literatur Island

Hörsaal III, 14:00 Uhr Prof. Dr. Arnulf Krause:

»Urzeit war es, als Ymir lebte.«

Wie Tolkien und viele andere die Edda lasen

Die im hohen Mittelalter auf Island niedergeschriebenen Götter- und Heldenlieder der »Älteren Edda« sowie die »Prosa-Edda« erfreuen sich seit ihrer Wiederentdeckung großen Interesses. Seit mehr als 300 Jahren dienen sie Forschern und Künstlern als mutmaßliche Zeugnisse germanischer Mythologie und Heldensage. Die Vorlesung folgt den Spuren dieser Rezeption bis hin zu J.R.R. Tolkien, der sich intensiv mit der Edda beschäftigte und manches davon in sein Werk einfließen ließ.

 

15:00 Uhr Prof. Dr. Heiko Uecker:

Bauern prügeln sich. Helden auch. Halldór Laxness und die isländische Saga Islands Beitrag zur Weltliteratur ist einmal seine mittelalterliche Literatur, darunter die Isländersaga, und, aus neuerer Zeit, das literarische Werk von Halldór Laxness (1902 –1998). Laxness, 1955 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, war ein genauer Kenner der frühen Literatur seines Landes. In seinem 1952 erschienenen Roman Die glücklichen Krieger erzählt er die alte Saga von den Schwurbrüdern neu und versieht sie mit anderen Akzenten – er schreibt eine Art Anti-Saga. »Ich wollte mit diesem Buch ein altertümliches Kunstwerk für ein modernes Publikum schaffen.«

 

 

16:00 Uhr Privatdozent Dr. Thomas Fechner-Smarsly:

»Kalte Rose, geheime Insel, die Germaniens Gedächtnis war.«

J. L. Borges und die altnordische Literatur

Wie wohl kein anderer Autor des 20. Jahrhunderts verkörperte Jorge Luis Borges (1899–1986) einen enzyklopädischen Begriff von Welt-literatur. Über sein Interesse für die altenglische Literatur gelangte der argentinische Schriftsteller in Kontakt mit dem nordischen Mittelalter. Er befasste sich nicht nur mit einer besonderen Form der dichterischen Metapher, den sogenannten Kenningar. Besonders faszinierte ihn auch der isländische Schriftsteller und Politiker Snorri Sturluson (1178/79–1241) mit seinen Königsgeschichten und seinem Skaldenlehrbuch, der Snorra-Edda.

 

 

Steinunn Sigurðardóttir

9. Juni 2011, 19:30 Uhr, Bonner Kunstverein

Die isländische Schriftstellerin Steinunn Sigarðardóttir lebte und arbeitete an vielen Orten: in Europa und den USA, aber auch in Japan. Doch in ihren Büchern kehrt sie immer wieder in ihr Heimatland und zu dessen Kultur zurück. Nachdem sie mit 19 Jahren ihren ersten Gedichtband veröffentlichte, fanden vor allem Romane wie Herzort, Gletschertheater und Der Zeitdieb ein nationales wie internationales Echo. Übersetzungen ihrer Bücher erschienen in zahlreichen Sprachen, und der Roman Der Zeitdieb wurde 1999 in Frankreich verfilmt.

 

In Bonn liest Steinunn Sigarðardóttir aus ihrem neuem Gedichtband Sternenstaub auf den Fingerkuppen (Kleinheinrich Verlag) sowie aus dem Roman Der gute Liebhaber, der im September im Rowohlt Verlag erscheint.

 

 

Kristín Steinsdóttir

20. Juni 2011, 19:30 Uhr, Bonner Kunstverein

»Nirgends wird es an einem Sommertag wärmer, nirgends ist die Windstille stiller. Und nirgends wird der Nebel schwärzer, wenn er sich über das Dorf legt und die Sicht verbirgt.«

 

So beschreibt die Autorin Kristín Steinsdóttir den Ort ihrer Kindheit: den Fjord Seiðisfjörður im Nordosten Islands. Nicht nur in ihren zahlreichen Kinder- und Jugendbüchern ist viel vom Zauber des Fjordes und der isländischen Natur zu spüren. Vom Island ihrer Kindheit erzählt Kristín Steinsdóttir auch in dem Hörbuch Leben im Fisch, das sie in Bonn ebenso vorstellen wird wie ihren neuen Roman Im Schatten des Vogels, dessen deutsche Übersetzung im Herbst 2011 im C.H. Beck Verlag erscheint.

 

 

Sjón

29. Juni 2011, 19:30 Uhr,

Hörsaal des Akademischen Kunstmuseums der Universität

Er ist mehr als ein Geheimtipp – er ist eine literarische Entdeckung: der isländische Romanautor, Dichter und Songtexter Sjón. Allerdings könnte, wer ihn als oscarnominierten Texter für die Sängerin Björk und für Lars von Triers Film Dancer in the Dark kennt, leicht auf eine falsche Fährte geraten. Sein Roman Schattenfuchs, für den er 2007 mit dem Preis des Nordischen Rates die wichtigste literarische Auszeichnung Skandinaviens erhielt, ist alles andere als Popliteratur. Vielmehr eine existentielle Gratwanderung, bei der die harsche isländische Natur eine zentrale Rolle spielt. Mit Das Gleißen der Nacht, seinem jüngsten, im S. Fischer Verlag erschienenen Roman, der von einem isländischen Gelehrten des 17. Jahrhunderts handelt, setzt Sjón diese Linie in literarisch eindringlicher Weise fort. In Bonn wird er auch Ausschnitte aus seinem Gedichtband Gesang des Steinesammlers präsentieren.

 

 

Islands Atomdichter

12. Juli 2011, 19:30 Uhr, Bonner Kunstverein

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand die Literatur Islands ganz im Zeichen der Zeit, und dieses lautete: Kalter Krieg und – Atomzeitalter. Halldór Laxness erhielt im Jahre 1955 als erster Isländer den Literaturnobelpreis für seinen Roman Atomstation (1948). Und in der Poesie hielt der Modernismus mit einer Gruppe junger Autoren Einzug, die bald unter dem Etikett Atomdichter firmierten.

 

Für die Literaturzeitschrift »die horen«, bereits mehrfach durch Anthologien mit skandinavischer Literatur hervorgetreten, stellte deren Herausgeber Johann P. Tammen gemeinsam mit dem Literaturexperten Eysteinn Þorvaldsson und dem Autor und WDR-Redakteur Wolfgang Schiffer nun eine Auswahl isländischer Atomdichtung zusammen.

 

Der Band mit dem Titel Bei betagten Schiffen kombiniert Gedichte von Einar Bragi, Hannes Sigfússon, Jón Óskar, Sigfús Daðason und Stéfan Hörður Grímsson mit Texten über deren politisches und kulturelles Engagement. An diesem Abend führen Wolfgang Schiffer und Johann P. Tammen ins Werk der Atomdichter ein und tragen Beispiele vor.

 

 

»Die Isländer kommen!«

– Hallgrímur Helgason, Auður Ava Ólafsdóttir und Steinar Bragi

Es liest: Corinna Harfouch

10. Oktober 2011, 19:00 Uhr, Forum der Kunst- und Ausstellungshalle der BRD, Bonn

Am Tag vor der offiziellen Eröffnung der Frankfurter Buchmesse präsentiert sich deren diesjähriges Gastland mit drei sehr unterschiedlichen literarischen Stimmen in Bonn:

 

Internationale Aufmerksamkeit verschaffte Hallgrímur Helgason die Verfilmung seines Romans 101 Reykjavík. Mittlerweile gehört der Autor und Künstler zu den bekanntesten Schriftstellern seiner Generation. Und er hat sich schon so manche Respektlosigkeit erlaubt, sogar gegenüber Halldór Laxness, dem einzigen Nobelpreisträger Islands. Nachdem er in seinem letzten Roman Tipps gegen das Morden und für den Abwasch gegeben hat, stellt er mit Eine Frau bei 1000° (Klett-Cotta) sein jüngstes Buch vor, auf das man gespannt sein darf.

 

Auður Ava Ólafsdóttir gehört zwar zur selben Generation wie Hallgrímur Helgason, jedoch brachte sie einen neuen Ton in die isländische Literatur – und sie schlug einen anderen Weg ein: Vor ein paar Jahren trat die Kunsthistorikerin zum Katholizismus über (wie übrigens auch Halldór Laxness in jungen Jahren). Mit Weiß ich, wann es Liebe ist, ihrem ersten Roman auf Deutsch (erschienen im Suhrkamp-Verlag), nimmt sie uns mit ins Kloster – und auf eine innere Reise.

 

Steinar Bragi war 23, als sein erster Gedichtband erschien. Er gehört zur Riege der jungen Autoren, die ihre Einflüsse vor allem aus der Populärkultur beziehen. Wenn es nach ihnen geht, liegt Reykjavík nicht weiter von New York entfernt als vom Eyjafjallajökull. Für seinen Roman Frauen, der im Herbst 2011 in deutscher Sprache erscheint ( Verlag Antje Kunstmann), war Steinar Bragi für den wichtigsten skandinavischen Literaturpreis, den Preis des Nordischen Rates, nominiert.

 

Die deutschen Texte werden von der Schauspielerin Corinna Harfouch gelesen.

Grusswort

Roger Willemsen

Schirmherr 2010-2016

In Kooperation mit

»Wie gut, dass die Literatur in Bonn endlich ein Dach bekommt: Große Autorinnen und Autoren, Romane und Dichtung, Vergangenheit und Gegenwart, Zeitkritik und Polemik, kunstvoll Ziseliertes und spontan Improvisiertes, lauter innere Ereignisse. Die Ressourcen der Literatur sind unerschöpflich, und sie bieten der Leserschaft unendliche Möglichkeiten der Selbstverwandlung an. Freuen Sie sich also, es ist angerichtet. Nun müssen nur noch die Gäste kommen: Sie.«



Gefördert vom Kulturamt der Bundesstadt Bonn und vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen

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