APRIL BIS JUNI 2014

Frühling heißt Aufbruch – und so bietet Ihnen das Frühjahrsprogramm des Literaturhauses Anregungen, sich mit junger Literatur und Innovation zu beschäftigen. Gleich unser erster Abend, angesiedelt im Rahmenprogramm der Bundeskunsthalle zur aktuellen Malewitsch-Ausstellung, würdigt mit Free Jazz und Texten die befreundeten Avantgarde-Künstler Kasimir Malewitsch und Daniil Charms. Meist verknüpft mit dem Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, begegnen uns die gewaltigen Umwälzungen des frühen 20. Jahrhunderts derzeit auf Schritt und Tritt. Auch das Literaturhaus Bonn widmet sich dieser Ära der Kunstrevolten, des ungebremsten Fortschrittsglaubens, der Frühzeit der Totalitarismen. So präsentiert der Herausgeber Helmuth Kiesel bei uns seine gerade erschienene historisch-kritische Ausgabe von Ernst Jüngers »In Stahlgewittern«.

 

Mit Dorothee Elmiger und Per Leo stellen wir Ihnen zwei bemerkenswerte junge Gegenwartsautoren vor: Beide Romane sind ebenso literarisch überzeugend wie politisch; Elmiger schreibt in »Schlafgänger« über das globalisierte Heute, Leo in seinem sogleich für den Leipziger Buchpreis nominierten Debüt »Flut und Boden« über die Geschichte seiner Familie und die deutsche Vergangenheit.

 

Ein Glücksfall im Programm ist die Lesung der weißrussischen Autorin Swetlana Alexijewitsch im Haus der Geschichte: Nutzen Sie eine der raren Gelegenheiten, die Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels 2013 hierzulande zu erleben!

 

Neben dem Neuen finden Sie im weitgehend noch von Barbara Weidle zusammengestellten Angebot auch Kontinuitäten: So begleiten wir schon im vierten Jahr die Poetikdozentur der Universität Bonn und laden Sie zu einer ersten Lesung des neuen Poetikdozenten Norbert Scheuer ein. Immer wieder liebend gern gesehener Gast ist unser Schirmherr Roger Willemsen – Anfang Juni präsentiert er bei uns sein neues Buch »Das Hohe Haus« in einer szenischen Lesung mit zwei Sprechern.

 

Ganz besonders freuen wir uns, im Workshop-Programm des Literaturbüros erstmals ein Angebot für Kinder und Jugendliche machen zu können: Im Rahmen des Bonner Kulturrucksacks 2014 gibt es in den Osterferien eine Schreibwerkstatt für 10- bis 14-Jährige. Wer lernen möchte, wie man Zuhörer fesselt, sollte den Workshop »Gut vorlesen« besuchen – die Schauspielerin Tatjana Pasztor führt Sie ein in die Kunst des lebendigen Vortrags.

 

Ob Sie also zuhören, (vor)lesen oder schreiben wollen – besuchen Sie unsere Veranstaltungen und unsere Homepage, machen Sie bei uns Entdeckungen! Erst mit Ihrer Beteiligung wird unser Literaturhaus zu einem wesentlichen Ort der Kultur in Bonn, nur mit Ihren Besuchen wird es lebendig.

 

Ihr Literaturhaus Bonn

DANIIL CHARMS

»FRAUEN FALLEN AUS DEM FENSTER«

Texte und Free Jazz mit Beate Scherzer und Stefan Keune
Dienstag, 1. April, 19:00 Uhr, Bundeskunsthalle

Daniil Charms (1905-1942), geboren, gelebt und verhungert in Sankt Petersburg, war ein russischer Schriftsteller und Avantgardist; er war Weggefährte und großer Bewunderer der Kunst von Kasimir Malewitsch. Im Rahmenprogramm der aktuellen Malewitsch-Schau in der Bundeskunsthalle entwerfen Beate Scherzer und Stefan Keune mit Free Jazz und mit Texten von und über Charms und Malewitsch für Sie einen Parcours durch die Ausstellung.


Beate Scherzer, Schauspielerin, Vorleserin und Buchhändlerin in Essen, ist seit Langem ausgesprochene Charms-Kennerin und -Freundin. Den Meister der paradoxen Kurztexte, seinen abgrundtiefen, grellen und bissig-bösen Witz, stellt sie immer wieder gerne vor.


Stefan Keune ist Saxophonist des Free Jazz und der europäischen Improvisationsmusik. Neben seiner Zusammenarbeit mit Paul Lovens, John Russell und Hans Schneider spielte Keune mit vielen Musikern der britischen Improvisations-Szene wie Roger Turner, Phil Durrant, John Butcher sowie mit Vertretern der kontinentaleuropäischen Szene wie Mats Gustafsson, Raymond Strid, Radu Malfatti oder Peter Kowald.


In Kooperation mit der Bundeskunsthalle

DOROTHEE ELMIGER

»Schlafgänger«

Lesung und Gespräch mit der Autorin
Moderation: Thomas Fechner-Smarsly
Donnerstag, 3. April, 19:30 Uhr, Bonner Kunstverein

 

Dorothee Elmiger war als eine der ersten Autorinnen im Januar 2011 im neu gegründeten Literaturhaus Bonn zu Gast mit ihrem Debüt »Einladung an die Waghalsigen«. Nun kommt sie mit ihrem zweiten Roman »Schlafgänger« erneut nach Bonn. Ihr sprachlich kraftvoller und sehr eigenständiger Roman spielt unter Grenzgängern, Flüchtlingen, Arbeiterinnen, Schauspielern, Asylbewerbern, Künstlern. Es ist eine Geschichte über Wohlstand und Verteilung, Migration und Grenzüberschreitung. Erzählt wird sie poetisch, rätselhaft und zugleich präzise.

 

Dorothee Elmiger (Jg. 1985) studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. 2010 erhielt sie beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt den Kelag-Preis, 2011 den Rauriser Literaturpreis. Sie lebt und arbeitet in der Schweiz.

 

In »Schlafgänger« wird Elmiger politisch: ein kämpferischer Roman über Herkunft und Gerechtigkeit.    BÖRSENBLATT


In Kooperation mit dem Bonner Kunstverein

SWETLANA ALEXIJEWITSCH

»Secondhand-Zeit«

Lesung und Gespräch mit der Autorin
Moderation: Gerd Koenen
Übersetzung: Ganna-Maria Braungardt
Dienstag, 8. April, 19:30 Uhr, Haus der Geschichte

Swetlana Alexijewitsch, Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels 2013, ist eine der herausragenden Gestalten in der postsow-
jetischen Literatur. Sie schuf in ihren auf Interviews beruhenden dokumentarischen »Romanen in Stimmen« eine ganz eigene literarische Gattung. Mit dieser Herangehensweise einer emotionalisierten Geschichtsschreibung ist sie zum moralischen Gedächtnis ihrer Mitmenschen in Weißrussland, Russland und der Ukraine geworden.


In »Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus« lässt sie einen vielstimmigen Chor von den radikalen gesellschaftlichen Umwandlungen der postsowjetischen Zeit erzählen, von ihren Verunsicherungen und Katastrophen.


Swetlana Alexijewitsch (Jg. 1948) wurde in der Ukraine geboren und wuchs in Weißrussland auf. Wegen ihrer Bücher, darunter »Der Krieg hat kein weibliches Gesicht«, »Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft« und das auf Gesprächen mit den Müttern in Afghanistan gefallener Soldaten basierende »Zinkjungen«, stand die ausgebildete Journalistin mehrfach vor Gericht. Ihre Werke wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt.

 

In Kooperation mit dem Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, der Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Nationalsozialismus und dem Minsk-Club Bonn

ERNST JÜNGER

»In Stahlgewittern«

Historisch-kritische Ausgabe
Präsentation des Herausgebers Helmuth Kiesel
Donnerstag, 8. Mai, 19:30 Uhr, Haus der Geschichte

Elfmal überarbeitete Ernst Jünger (1895-1998) sein umstrittenes Werk über das Leben eines jungen Kriegsfreiwilligen im Ersten Weltkrieg »In Stahlgewittern«, mit dem er 1920 debütierte. Helmuth Kiesel hat nun in seiner aktuellen, historisch-kritischen Ausgabe die Arbeit des Autors im Kontext der politischen Entwicklungen mit größter Sorgfalt untersucht und sichtbar gemacht.


Die einhellig lobende Kritik hält die Edition des Textes – in all seiner Uneindeutigkeit zwischen Affirmation und Abscheu des Krieges, zwischen literarischer Qualität und kühler Sachlichkeit – für ein Musterbeispiel an Lesbarkeit und Erkenntnisreichtum.

 

Helmuth Kiesel (Jg. 1947) ist Professor für die Geschichte der neueren deutschen Literatur an der Universität Heidelberg und ausgewiesener Ernst Jünger-Kenner.

 

Eine sensationelle historisch-kritische Ausgabe von »In Stahlgewittern« ermöglicht nun, dem Schriftsteller Ernst Jünger bei der Arbeit und bei der Selbsterfindung über die Schultern zu schauen. Wir werden Zeuge, wie in der Schilderung des Grabenkriegs aus »Helden« schlichte »Männer« werden, wie der Text in den 20er-Jahren ins Nationalistische frisiert wird, um genau diese Wendung 1934 energisch zu korrigieren.          Denis Scheck (druckfrisch, ARD)


In Kooperation mit dem Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und dem Germanistischen Institut der Universität Bonn

norbert scheuer

»Hyperion in der Eifel«

Norbert Scheuer liest aus »Peehs Liebe« und »Überm Rauschen«

Moderation: Thomas Fechner-Smarsly

Mittwoch, 14. Mai, 19:30 Uhr, Akademisches Kunstmuseum

 

Kall, soviel steht fest, ist der Name einer Kleinstadt in der nördlichen Eifel. Suchte ein Leser jedoch in einer anderen Wirklichkeit – der Wirklichkeit der Literatur –, fände er das kleine Kall womöglich an ganz anderer Stelle, in der Nachbarschaft ganz anderer Provinzen: irgendwo zwischen Winesburg, Ohio, und Kalaurea in der Ägäis vielleicht. Wie es dorthin kam, dazu wird Thomas Fechner-Smarsly den Schriftsteller Norbert Scheuer befragen. Der Autor liest an diesem Abend aus seinen Romanen »Peehs Liebe« und »Überm Rauschen«.

 

Norbert Scheuer, geboren 1951 in Prüm, lebt in Kall und hat, neben Gedichten und Erzählungen, bislang vier Romane geschrieben, für die er unter anderem beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und mit dem Düsseldorfer Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Im Jahr 2014/15 hat Norbert Scheuer die Thomas-Kling-Poetik-Dozentur an der Universität Bonn inne.

 

In Kooperation mit der Kunststiftung NRW und der Universität Bonn

 

Eintritt: 12 €/6 € ermäßigt

PER LEO

»Flut und Boden«

Lesung und Gespräch mit dem Autor

Moderation: Almuth Voß

Donnerstag, 22. Mai, 19:30 Uhr, Bonner Kunstverein

 

Ein Roman von elementarer Kraft, der die Verheerungen und Brüche des 20. Jahrhunderts am Beispiel zweier ungleicher Brüder spiegelt: Aus Martin wird ein Goetheaner und genauer Beobachter seiner Welt, aus Friedrich ein aktivistischer Krieger und Abteilungsleiter im Rasse- und Siedlungshauptamt der SS. Für den angehenden Historiker Per, seinen Enkel, entwickelt sich die Nazi-Vergangenheit des Großvaters zur Obsession.

 

In einer persönlichen Krise stürzt sich Per in die Erforschung von Friedrichs Vergangenheit. Aber erst als er ihm den vergeistigten Bruder Martin an die Seite stellt, gewinnt er ein tatsächliches Bild vom Glanz und Niedergang seiner Familie. In dem ihm immer fremd gebliebenen Nazi-Opa entdeckt er einen rebellischen jungen Mann, der uns viel näher ist, als uns lieb sein kann. Pers Liebe jedoch gilt dem Großonkel Martin.

 

Per Leo, geboren 1972 in Erlangen, hat Geschichte, Philosophie und russische Philologie studiert und lebt als freier Autor in Berlin. Für seine Dissertation über Ludwig Klages und die Tradition des charakterologischen Denkens erhielt er den Humboldt-Sonderpreis »Judentum und Antisemitismus«. »Flut und Boden« ist Leos literarisches Debüt, überzeugte auf Anhieb die Kritik und ist nominiert für den Leipziger Buchpreis 2014.

 

In Kooperation mit dem Bonner Kunstverein

 

Eintritt: 12 €/6 € ermäßigt

ROGER WILLEMSEN

»Das Hohe Haus«

Eine szenische Lesung mit dem Autor,

Annette Schiedeck und Jens-Uwe Krause

Dienstag, 10. Juni, 19:30 Uhr, Haus der Geschichte

 

Roger Willemsen ist ein Mann mit Ideen. Eine seiner jüngsten: Ein Jahr lang besuchte er an jedem Sitzungstag den Deutschen Bundestag. Und wer glaubt, das sei langweilig gewesen, der wird von diesem aufmerksamen schreibenden Beobachter überrascht. Willemsen eignet ein scharfer Blick und eine tiefe Klugheit. So sieht er noch in den nebensächlichsten Ereignissen das Bedeutsame.

 

»Das Hohe Haus«, nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik, ist der Bericht eines Augenzeugen, der voraussetzungslos schaut und tagebuchartig erzählt und protokolliert, selbst erstaunt über die Ergiebigkeit der Perspektive. Im Haus der Geschichte präsentiert Willemsen sein Programm mit der Schauspielerin Annette Schiedeck und dem Hörfunkmoderator Jens-Uwe Krause.

 

Roger Willemsen (Jg. 1955), Schirmherr des Literaturhauses Bonn und in Bonn geboren, wurde in den 1990er Jahren als Moderator bekannt und ist Autor zahlreicher Bühnenprogramme und Bücher. Zuletzt erschienen »Momentum« (2012) und »Es war einmal oder nicht. Afghanische Kinder und ihre Welt« (2013). Der Adolf-Grimme-Preisträger ist Honorarprofessor an der Humboldt-Universität Berlin.

 

In Kooperation mit dem Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

 

Eintritt: 12 €/6 € ermäßigt

LITERATURBÜRO NRW SÜD WORKSHOP-ANGEBOTE

UNSERE ZUKUNFT

für Kinder und Jugendliche

 

Im Rahmen des Bonner Kulturrucksacks bieten wir in den Osterferien 2014 einen einwöchigen Schreibworkshop für junge Menschen zwischen 10 und 14 Jahren unter der Leitung von Olivia Wenzel an.

 

Gemeinsam entwickeln die Teilnehmer in der Werkstatt ein Kurztheaterstück. In den ersten Tagen werden sie angeregt, die eigene Zukunft zu imaginieren. Sie werden außerdem in die Grundlagen des szenischen Schreibens eingeführt (Sprechen im Theater – wie geht das? Wie entstehen Figuren? Wie besprechen wir Texte?) und machen erste Schreibübungen. Zwischendurch gibt es theaterpädagogische Übungen zur Entspannung und Auflockerung. Die Ergebnisse der Arbeit werden abschließend live und öffentlich präsentiert.

 

Olivia Wenzel, 1985 in Weimar geboren, studierte »Kulturwissen-schaften und ästhetische Praxis« an der Uni Hildesheim. Sie lebt und arbeitet als freie Autorin & Musikerin in Berlin und war mehrfach Teilnehmerin des Bonner »Bal littéraire«. Mit Jugendlichen hat sie wiederholt gearbeitet – u.a. als Coach und Vertretungslehrerin an Neuköllner Schulen sowie theaterpädagogisch beim Theater der Migranten in Berlin und beim Festival junger Künstler Bayreuth.

 

 

GUT VORLESEN

 

Gut vorlesen ist ein wenig wie zaubern können: eine Kunst, die keineswegs als Geschenk vom Himmel fällt – eine Gabe, die man entwickeln kann. Lernen Sie mit der Schauspielerin Tatjana Pasztor die Grundlagen des lebendigen Vortragens kennen; üben und lernen auch Sie, gut und fesselnd vorzulesen!

 

Tatjana Pasztor, geboren in Basel und aufgewachsen in Düsseldorf, wurde an der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart ausgebildet. Seit über dreißig Jahren steht sie auf Bühnen, u.a. in Stuttgart, Saarbrücken, Basel, an der Freien Volksbühne Berlin, in Darmstadt, Oberhausen und am Schauspiel Essen, und war zehn Jahre lang Ensemblemitglied am Theater Bonn.

 

Grusswort

Roger Willemsen

Schirmherr 2010-2016

In Kooperation mit

»Wie gut, dass die Literatur in Bonn endlich ein Dach bekommt: Große Autorinnen und Autoren, Romane und Dichtung, Vergangenheit und Gegenwart, Zeitkritik und Polemik, kunstvoll Ziseliertes und spontan Improvisiertes, lauter innere Ereignisse. Die Ressourcen der Literatur sind unerschöpflich, und sie bieten der Leserschaft unendliche Möglichkeiten der Selbstverwandlung an. Freuen Sie sich also, es ist angerichtet. Nun müssen nur noch die Gäste kommen: Sie.«



Gefördert vom Kulturamt der Bundesstadt Bonn und vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen

Stadt Bonn