JANUAR BIS MÄRZ 2013

Liebe Literaturfreunde in und um Bonn, liebe Leserinnen und Leser!

 

Literatur ist, wenn man trotzdem liest, auch wenn man den Autor noch nicht kennt. Literaturbegeisterung ist nicht nur Liebe zu Altbekanntem, sondern auch Entdeckerfreude, Aufbruch zu Neuem. In diesem Sinne gestalten wir unser Programm, wobei wir Bekanntes und Bewährtes selbstverständlich auch gern vorstellen.

 

Wir beginnen das Jahr 2013 mit Anja Utler, die auf Einladung von Barbara Köhler, der Inhaberin der Bonner Thomas-Kling-Poetikdozentur, kommt und ihre lyrischen Texte nicht nur lesen, sondern auch performen wird. Mit Robert Seethalers Roman »Der Trafikant« stellen wir einen jüngeren österreichischen Autor vor, der sich auf atemberaubend intensive Weise dem Geschehen im Wien des Jahres 1937 nähert. Im Rahmen der Aktion 100 Jahre – 100 Lesungen – Kurt Wolff Verlag 1913–2013 erinnern wir mit der Lesung Robert Seethalers als Teil einer bundesweiten Initiative an den in Bonn geborenen Verleger Kurt Wolff.

 

Dass Bertolt Brecht erst selbst Gläser spülen lernen musste, um zu verstehen, was seine Frau neben ihrer Arbeit als Schauspielerin für ihn getan hat, und vieles andere mehr erfahren wir aus seinem kürzlich erstmals veröffentlichten Briefwechsel mit Helene Weigel. Birte Schrein und Bernd Braun werden das Künstler-Paar mit der Lesung dieser Briefe auf der Werkstattbühne lebendig machen. Sigrid Damm, die mit ihrem Buch »Christiane und Goethe. Eine Recherche« großen Erfolg beim Publikum hatte, wird sich mit David Eisermann (WDR3-Moderator) im LVR-LandesMuseum über ihr Buch »Wohin mit mir« unterhalten. Hannes Stein verdreht in seinem wunderbaren Roman »Der Komet« mal kurz die Geschichte des 20. Jahrhunderts.

 

Und Stephan Thome schildert in »Fliehkräfte« die neuen Leiden eines mittelalten Philosphie-Professors in Bonn.

 

Das ist unser Programm bis Ende März – und unsere Einladung an Sie, anregende Abende mit neuen Gedanken zu verbringen. Unser Literaturhaus ist jetzt übrigens seit genau zwei Jahren »auf Sendung«. Wie Sie sicher wissen, haben wir kein eigenes Haus, sondern wandern durch die Bonner Institutionen. Es haben sich feste Kooperationen mit unseren Partnern etabliert, mit der Bundeskunsthalle, dem Haus der Geschichte, dem Bonner

 

Kunstverein, dem Theater Bonn, der Universität Bonn. Wir tragen unsere Ideen in die bestehenden Häuser und realisieren dort die Projekte. Wir danken unseren Kooperationspartnern für die sehr gute Zusammenarbeit. Auch den Verlagen Edition Korrespondenzen, Kein und Aber, Suhrkamp, Insel und Galiani danken wir an dieser Stelle sehr herzlich.

 

Wenn Ihnen unser Programm zusagt oder Sie Vorschläge und Ideen haben, werden Sie Mitglied bei uns, kontaktieren Sie unser Büro, schauen Sie auf unsere Website. Wir sind eine junge Institution im Aufbau und freuen uns über Ihr Interesse und Ihre Unterstützung.

 

Ihr Vorstand des Literaturhaus Bonn e.V.

 

 

 

ANJA UTLER »JANA, VERMACHT«

Lesung und Gespräch mit der Autorin

Moderation: Barbara Köhler

Montag, 14. Januar, 19:30 Uhr, Akademisches Kunstmuseum Bonn

 

In ihren Gedichtbänden, u.a. »münden – entzüngeln« und »brinnen«, fächert Anja Utler mit enormer Formgewalt feinste Schattierungen von Empfindungen wie Liebe, Glück und Schmerz auf. Ihre Texte machen erfahrbar, wie uneindeutig unser Erleben, wie offen das Verhältnis von Sprache und Welt, wie untrennbar Denken, Fühlen, Körper und Sprache ineinander verwoben sind.

 

Die Lyrikerin und Inhaberin der Thomas-Kling-Poetikdozentur an der Universität Bonn, Barbara Köhler, stellt im Gespräch ihre Kollegin Anja Utler vor, die Auszüge aus ihrem lyrischen Text »jana, vermacht« (Edition Korrespondenzen, 2009) über die sprachliche Verweigerung der Kriegsgeneration sowie eine Auswahl ihrer Gedichte mitbringt.

 

Anja Utler, Jahrgang 1973, studierte Slawistik, Anglistik und Sprecherziehung und promovierte über Dichterinnen der russischen Moderne. Sie wurde u.a. 2003 mit dem Leonce-und-Lena-Preis für Lyrik,

 

dem Stipendium der Akademie Schloss Solitude 2005/2006 und 2008, dem Karl-Sczuka-Förderpreis 2008 und dem Heimrad-Bäcker-Förderpreis 2010 ausgezeichnet.

 

Ihre Texte prasseln auf uns wie schönste Störgeräusche, als Satzfetzen, Strophenfragmente, Zitatspuren, Wortpartikel. Die Zeit

 

In Kooperation mit der Universität Bonn und der Kunststiftung NRW

 

 

 

POSTPOETRY.2012

»INVENTUR NORDRHEINWESTFÄLISCHER LYRIK«

Lesung mit Preisträgern des Landeswettbewerbs postpoetry.2012

 

Moderation: Marie T. Martin

Montag, 21. Januar, 11:45 Uhr, Stadtteil- und Gesamtschulbibliothek

 

Im Spätsommer 2012 gingen bei der Gesellschaft für Literatur in NRW e.V. hunderte Einsendungen von Lyrikern und Nachwuchsautoren aus NRW zum Wettbewerb postpoetry ein, den die Gesellschaft zum dritten Mal ausschrieb und der vom Kulturministerium (MFKJKS) sowie erstmals auch von der Kunststiftung NRW unterstützt wurde. Fünf Lyriker und fünf Nachwuchsautoren wurden mittlerweile ausgezeichnet. In einem Workshop fanden sich Tandems zusammen, die an ihren Texten arbeiteten und Anfang 2013 auf Lesereise durch NRW gehen. Neben ihren Texten bringen sie die obligatorischen postpoetry-Postkarten mit, die dem Projekt den Namen geben. In Bonn werden Thorsten Krämer und Lina Hacker Station machen.

 

Thorsten Krämer, Jahrgang 1971, lebt seit 2002 als freier Autor in Köln, erhielt u.a. den Förderpreis Literatur des Landes NRW und diverse Stipendien. Er veröffentlichte Lyrik und Prosa, u.a. »Ich heiße Hal Hartley«, »Fast schon ein Glück«, »Neue Musik aus Japan«, »The Democratic Forest« und »Der graue Cardigan«. Die Nachwuchsautorin Lina Hacker, Jahrgang 1991, studiert in Bonn Molekulare Biomedizin.

 

In Kooperation mit der Gesellschaft für Literatur in NRW e.V., Aura09, der

 

Stadtbibliothek Bonn, unterstützt vom MFKJKS und der Kunststiftung NRW

 

 

 

ROBERT SEETHALER »DER TRAFIKANT«

Lesung und Gespräch mit dem Autor

Moderation: Claudine Engeser

Dienstag, 29. Januar, 19:30 Uhr, Bonner Kunstverein

 

Robert Seethalers Roman um den jungen Trafikanten (österreichisch für »Zeitungs- und Tabakwarenhändler«) Franz Huchel birgt, wie die FAZ schreibt, einen »bösen Zauber«. Der 17-Jährige aus dem Salzkammergut muss als Lehrling im Wien des Jahres 1937 auf brutale Art erwachsen werden. In der Liebe, im Alltag, in den bedrückenden politischen Verhältnissen. Er wächst daran unter Schmerzen, gewinnt in Sigmund Freud einen Freund. Franz lernt schnell, findet sich aber damit, wie das Leben angeblich eben ist, nicht ab. In einer Mischung aus Naivität und Klugheit geht er kompromisslos seinen Weg in einer dunklen Zeit – und riskiert alles. Franz Huchel ist eine leuchtende literarische Figur, die dem Leser ans Herz wächst.

 

Der Wiener Robert Seethaler, Jahrgang 1966, legt mit diesem Buch (Kein und Aber, 2012) seinen vierten Roman vor. Für »Die Biene und der Kurt« wurde er mit dem Debüt-Preis des Buddenbrook-Hauses ausgezeichnet. Danach erschienen »Die weiteren Aussichten« und »Jetzt wird’s ernst«. Er lebt in Berlin.

 

Mit einem Buch und einem Autor ist es manchmal wie im richtigen Leben. Schon beim ersten Treffen ist man hin und weg, verknallt sich in die Art, wie einer eine Geschichte erzählt. Christine Westermann, WDR 2

 

100 Jahre – 100 Lesungen – Kurt Wolff Verlag 1913–2013

In Kooperation mit dem Bonner Kunstverein

 

 

 

BERTOLT BRECH T, HELENE WEIGEL

»ICH LERNE: GLÄSER + TASSEN SPÜLEN« – BRIEFE 1923–1956

 

Lesung mit Birte Schrein und Bernd Braun

Donnerstag, 14. Februar, 20:00 Uhr, Werkstatt im Opernhaus

 

Birte Schrein und Bernd Braun lesen aus der unlängst bei Suhrkamp publizierten, bisher unbekannten Korrespondenz zwischen Bertolt Brecht und Helene Weigel: Da schreiben sich zwei Künstler von Weltrang und gleichzeitig zwei bedrängte Exilanten, zwei Liebende, deren Beziehung über Jahrzehnte Brechts zahlreiche Geliebte verkraften musste, zwei Erneuerer des Theaters, deren Alltag nicht zuletzt Alltäglichkeiten barg: So geht es in den Briefen ebenso um Bücher und Artikel, Autopreise und die Wiederbeschaffung verlorener Papiere wie um Fragen nach Weigels Rollen und Auftritten und der Resonanz bei Kritik und Publikum. Um die Arbeit an Brechts Stücken oder darum, dass er »mit viel Nikotin wenige Sonette hergestellt« habe. Und nicht zuletzt um das Dasein im Exil und die Nöte einer Schauspielerin, die fünfzehn Jahre lang ohne Bühne lebte. »Liebe Helli, ich lerne: gläser + tassen spülen, boden fegen, abfälle wegschaffen, rühreier und suppen machen, alles als autodidakt. Ich fühle mich dir sehr gewogen, wenn ich gläser spüle, daß du das nun so lange gemacht hast, unter anderem.

 

In Kooperation mit Theater Bonn

 

 

 

SIGRID DAMM »WOHIN MIT MIR«

Lesung und Gespräch mit der Autorin

Moderation: David Eisermann

Donnerstag, 14. März, 20:00 Uhr, LVR-LandesMuseum Bonn

 

Seit zwei Jahrzehnten versteht es Sigrid Damm, ihre Leser mit Büchern über die Goethezeit zu fesseln. In ihrem Erinnerungsbuch »Wohin mit mir« (Insel, 2012) schreibt sie jetzt über ihre Zeit in Rom. Eigene, gegenwärtige Impressionen verweben sich mit literarischen Zitaten, das persönliche Erleben wird gespiegelt in den Empfindungen Goethes und Ingeborg Bachmanns. Sigrid Damm hat das Leben von Goethes Schwester und seiner Frau Christiane erforscht und neu erzählt – so spannend, dass ein Millionenpublikum zu ihren Büchern gegriffen hat. Doch angefangen hat alles mit Jakob Michael Reinhold Lenz: Ihm galt ihr erstes Buch als freie Autorin. Wie kam es dazu? Welches Buch hat am stärksten ihr Leben verändert – der Lenz, weil es das erste war; oder Christiane und Goethe, weil sie damit eine so große Zahl von Lesern gefunden hat? Welche Bedeutung hat das Intime in einer Biographie – und warum mag sie den Begriff »Biographie« für ihre Bücher nicht?

 

David Eisermann spricht mit Sigrid Damm über ihre Dokumentarromane und ihre berühmte Recherche zur Liebesbeziehung zwischen Goethe und Christiane Vulpius. Archive seien ihre Welt, hat die Germanistin einmal erklärt. Wie kaum einer anderen Autorin ist es ihr gelungen, historischen Dokumenten aus der Zeit der Weimarer Klassik neues Leben einzuhauchen.

 

In Kooperation mit dem LVR-LandesMuseum Bonn

 

 

 

HANNES STEIN »DER KOMET«

Lesung und Gespräch mit dem Autor

Moderation: Barbara Weidle

Mittwoch, 20. März, 19:30 Uhr, Bonner Kunstverein

 

»I bin doch ned deppat, i fohr wieder z’haus« – mit diesen Worten macht der österreichische Thronfolger am 28. Juni 1914 in Sarajevo kehrt und der Erste Weltkrieg fällt aus. Und der Zweite logischerweise auch. Die einschneidenden Ereignisse des 20. Jahrhunderts haben in diesem Roman-Debüt von Hannes Stein nicht stattgefunden. Deshalb gibt es im Österreich der Gegenwart immer noch einen Kaiser, Wien ist eine Stadt voller Juden und Psychoanalytiker, und Stalin ist ein georgischer Nationaldichter. Der Mond ist von den Deutschen besetzt und vom Flughafen Wien/Schwechat startet regelmäßig ein Riesenflugzeug dorthin. Vom Mond aus sendet der k.u.k. Hofastronom die bedrohliche Nachricht, ein Komet rase auf die Erde zu und werde in wenigen Monaten mit ihr kollidieren ...

 

Hannes Stein ist mit diesem turbulenten Roman (Galiani, 2013) ein sehr unterhaltsames und gleichzeitig tiefes Buch gelungen, das ganz nebenbei viel Wissen über das Judentum und die Geschichte des 20. Jahrhunderts vermittelt.

 

Hannes Stein, 1965 in München geboren und aufgewachsen in Salzburg, hat u.a. für die FAZ, den Spiegel und Die Welt geschrieben. In den 1990er Jahren lernte er in Jerusalem Hebräisch. Heute lebt und arbeitet er als Korrespondent für Die Welt in New York.

 

In Kooperation mit dem Bonner Kunstverein

 

 

 

STEPHAN THOME »FLIEHKRÄFTE«

Lesung und Gespräch mit dem Autor

Moderation: Thomas Fechner-Smarsly

Mittwoch, 27. März, 19:00 Uhr, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

 

Hartmut Hainbach, erfolgreicher Philosophie-Professor an der Universität Bonn, sieht sich eines Tages konfrontiert mit der Melancholie der Lebensmitte: Seine schöne portugiesische Frau zog es ans Theater nach Berlin, und seine akademische Karriere geriet in die Tretmühle namens Bologna-Reform. Da klingt das Angebot eines Wechsels in die Verlagswelt durchaus verlockend. Doch damit wird Hainbach nicht nur vor die Wahl zwischen staatlich garantierter Sicherheit und geistiger Freiheit gestellt, sondern vielmehr vor die Frage nach dem Wiedergewinn des eigenen Lebens. Es ist der Anfang einer Suche und der Beginn einer Rückreise.

 

Mit seinem Roman »Fliehkräfte« (Suhrkamp, 2012) brachte es Stephan Thome auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Wie schon in seinem

 

Debüt »Grenzgang« versteht sich der 1972 geborene Schriftsteller auch hier besonders gut auf die Zwischentöne im Gefühlshaushalt seiner Figuren und ihrer Beziehungen. Aber er gewinnt ihnen auch komische Seiten ab, etwa wenn sich der dynamische Akademiker am Eingang zur Hofgartengarage und im Gespräch mit seinem chinesischen Doktoranden plötzlich sehr alteuropäisch fühlt.

 

In Kooperation mit der Bundeskunsthalle

 

 

 

LESEZIRKEL

 

Das Literaturhaus Bonn bietet für Mitglieder einen Lesezirkel an, in dem Werke eingeladener Autorinnen und Autoren gelesen und diskutiert werden. Der Lesezirkel trifft sich einmal im Monat und wird von unserem Vorstandsmitglied Heidemarie Schumacher geleitet. Die nächsten Bücher, mit denen die Gruppe sich befasst, werden Stephan Thomes in Bonn spielender Roman »Fliehkräfte« sowie Ursula Krechels »Landgericht« sein.

Grusswort

Roger Willemsen

Schirmherr 2010-2016

In Kooperation mit

»Wie gut, dass die Literatur in Bonn endlich ein Dach bekommt: Große Autorinnen und Autoren, Romane und Dichtung, Vergangenheit und Gegenwart, Zeitkritik und Polemik, kunstvoll Ziseliertes und spontan Improvisiertes, lauter innere Ereignisse. Die Ressourcen der Literatur sind unerschöpflich, und sie bieten der Leserschaft unendliche Möglichkeiten der Selbstverwandlung an. Freuen Sie sich also, es ist angerichtet. Nun müssen nur noch die Gäste kommen: Sie.«



Gefördert vom Kulturamt der Bundesstadt Bonn und vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen

Stadt Bonn