Konzept für ein Bonner Literaturhaus

A) Präambel

Die Bundesstadt Bonn braucht eine Einrichtung, die ganz der Förderung und Vermittlung der Literatur in allen ihren Genres gewidmet ist. Diese Einrichtung war das »Haus der Sprache und Literatur«. Nach dem Tod der langjährigen Leiterin Karin Hempel-Soos ist es nun notwendig, die Struktur des Hauses den aktuellen Erfordernissen anzupassen.

 

Die Arbeit des »Hauses der Sprache und Literatur« soll in erweiterter Form in einem »Literaturhaus Bonn« fortgesetzt werden. Der neue Name signalisiert einen Neuanfang und den Wunsch, sich in den Kreis der deutschsprachigen Literaturhäuser einzureihen. Der Name Literaturhaus ist bundesweit eine eingeführte Marke, mit der das Anliegen auf einfache Art verständlich gemacht wird.

 

In Bonn und der Region gibt es eine überaus vielfältige und lebendige Literaturszene: Autoren, Übersetzer, Literaturwissenschaftler, Schauspieler, Dramaturgen, Journalisten, engagierte Buchhandlungen, Verlage, Institutionen sowie engagierte Lehrer und Einzelpersonen, die seit vielen Jahren auf diesem Feld tätig sind. Dazu gibt es viele an Literatur interessierte Erwachsene, Kinder und Jugendliche, denen das Literaturhaus vielfältige Anregungen geben möchte, sich mit Literatur zu beschäftigen.

 

Sie alle sollten einen Ort bzw. einen Verbund, eine Organisation haben, durch die sie gemeinsam in der Stadt in Erscheinung treten und in den sie hineinwirken können.

 

Einen Ort, der der Literatur gewidmet ist, einen Verbund der die Begegnung aller, die daran teilhaben wollen, nicht zuletzt auch organisatorisch ermöglicht.

 

 

B) Aufgaben des Literaturhauses Bonn

Zentrale Aufgabe des Literaturhauses Bonn ist die Veranstaltung von Lesungen, Vorträgen, Diskussionen und Workshops, auch Führungen und Ausstellungen. Es sollen Aktivitäten sein, die geeignet sind, einen Beitrag zum literarischen Leben und zur Diskussion aktueller gesellschaftlicher Fragen zu leisten. Gleichzeitig müssen neue Formen erprobt werden.

 

Die Aufgabe ist Vermittlung von Literatur, die Vorstellung bekannter und unbekannter Autoren, die Reflexion über den Umgang mit Sprache, das Nachdenken und Reagieren auf die vielfältigen Veränderungen unserer sprachlichen Kommunikation. Darüber hinaus gehört zu dieser Aufgabe auch, Einblicke in den Literaturbetrieb zu geben.

 

Es geht um Information, Bildung und Unterhaltung. Ein Literaturhaus ist eben nicht nur ein Ort des Lesens und Schreibens, sondern ein Ort der Vermittlung, des Denkens, des Fragens, des Zuhörens, des Erlebens.

 

 

1) Autoren

- Vorgestellt werden soll aktuelle deutschsprachige und internationale Literatur, in Form von Einzelveranstaltungen, Ausstellungen, Vorträgen.

 

- Auch thematische Reihen sind ein wichtiges Element der Programmgestaltung, aus dem sich im Sinne der Nachhaltigkeit eine Buchreihe ergeben kann.

 

- Retrospektiven sind einzelnen Autoren gewidmet.

 

 

1a) Autoren-Workshops

- Für die im südlichen Nordrhein-Westfalen arbeitenden Autorinnen und Autoren werden Beratungs- und Professionalisierungsangebote entwickelt, u.a. in Form von Workshops, die zum Beispiel gemeinsam mit den nordrhein-westfälischen Literaturbüros konzipiert und durchgeführt werden.

 

 

2) Begleitveranstaltungen, Vertiefung von Themen

- Das Literaturhaus organisiert Begleitveranstaltungen zur Frankfurter Buchmesse (Schwerpunkte zu den Gastländern), zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, zum Bachmann-Wettbewerb, zum Büchner-Preis, zum Deutschen Kinderbuchpreis, zum Jugendbuchpreis und zum Bilderbuchpreis.

 

- Ebenso nimmt es mit Veranstaltungen Bezug auf wichtige literarische Jahrestage. 2011 ist z.B. ein Kleist-Jahr.

 

- Das Literaturhaus bietet Begleitprogramm zu Ausstellungen, Konferenzen (Internationalen Konferenzen), Filmen und Inszenierungen des Theater Bonn an. Wichtig ist die Vertiefung von Themen. Die Aktivitäten der verschiedenen Kultur-Sparten sollen vernetzt werden.

 

Beispiel: Das Theater Bonn zeigt Peter Handkes Stück »Kaspar«, Universität und Buchhandlung laden zu einem Vortrag über »Kaspar« von einem renommierten Handke-Forscher, das Kino in der Brotfabrik zeigt den Film »Jeder für sich und Gott gegen alle« (über Kaspar Hauser) von Werner Herzog.

 

- Auch zu lokalen wie regionalen Veranstaltungsreihen wie den Jüdischen Kulturtagen wird das Literaturhaus Bonn seinen Beitrag leisten.

 

- Neben Themen von überregionaler und internationaler Bedeutung gilt die Aufmerksamkeit der Kulturgeschichte der Region Bonn, die reich an interessanten Figuren, Themen und historischen Schauplätzen ist.

 

 

3) Dialog

Ein zentrales Thema wird der Dialog sein, der Dialog zwischen Literatur und Politik (z.B. anlässlich von UN-Konferenzen, in Zusammenarbeit mit der Vertretung der EU-Kommission). Dass ein Literaturhaus in einer UN-Stadt auch immer wieder die erfreuliche Vielfalt von Literaturen thematisiert, die durch Migration in Deutschland immer präsenter werden, versteht sich von selbst. Mit ausgewählten Veranstaltungen soll Migranten deutsche Sprache und Literatur näher gebracht werden (sowie Literatur von deren Heimatländern dem deutschsprachigen Leser). Wichtig ist der Dialog zwischen Literatur und Wissenschaft (in Kooperation mit in Bonn ansässigen Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen), zwischen Literatur und Musik (Bonn als Beethovenstadt), Literatur und Theater, Literatur und bildender Kunst, Literatur und Film,Literatur und Landschaftsgestaltung (das Siebengebirge vor den Toren Bonns ist eine durch die Literatur entdeckte Landschaft, hier ist eine Kooperation mit der Regionale GmbH sinnvoll und möglich).

 

 

4) Vernetzung lokal und überregional

- Bei seiner Arbeit soll das Literaturhaus nicht als Solitär wirken, sondern eng mit den lokalen und regionalen Akteuren der Literaturszene zusammenarbeiten und zu deren Vernetzung beitragen. Dazu gehören: Buchhandlungen, Verlage, Literaturzeitschriften, literarische Gesellschaften, Autorenverbände, ebenso wie Autoren, Literaturübersetzer, Journalisten, Schauspieler, Musiker. So wird die vorhandene Vielfalt besser deutlich, zudem können auf diese Weise Synergien genutzt werden.

 

- Das Literaturhaus wird den informellen Austausch mit den anderen deutschsprachigen Literaturhäusern suchen und gemeinsam mit ihnen Veranstaltungen planen (was u.a. dazu beitragen wird, Reisekosten etc. zu senken).

 

- Das Literaturhaus Bonn wird seine Aufgaben nur erfüllen können durch eine enge und kontinuierliche Zusammenarbeit mit anderen kulturellen und wissenschaftlichen Institutionen, mit kirchlichen Einrichtungen sowie mit anderen Weiterbildungsstätten in Bonn: u.a. dem Kulturamt der Stadt Bonn, den Theatern und Museen der Stadt Bonn, der Stadtbibliothek, Kulturinstituten und Programmkinos, der Deutschen Welle und der Volkshochschule. Angestrebt wird auch eine enge Zusammenarbeit mit politischen und wissenschaftlichen Stiftungen, EU- und UN-Einrichtungen, und insbesondere auch mit der Universität und ihren diversen Instituten. (Wünschenswert ist hier zum Beispiel die Einrichtung einer Poetik-Dozentur.)

 

- Darüber hinaus wird das Literaturhaus Bonn auch mit kulturellen Institutionen und Weiterbildungseinrichtungen im südlichen Nordrhein-Westfalen kooperieren, zum Beispiel in Bad Münstereifel, Bensberg, Königswinter, St. Augustin.

 

Für diese regionale Vernetzungsarbeit sind Mittel aus dem Etat des Landes Nordrhein-Westfalen notwendig; ohne solche zusätzlichen Mittel ist eine professionelle Arbeit des Literaturhauses Bonn nicht möglich. Auch das nördliche Rheinlandpfalz (Bahnhof Rolandseck) soll zukünftig mit einbezogen werden.

 

 

5) Vermittlungsprogramme, Leseförderung,

Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

- Eine weitere wichtige Aufgabe wird die Leseförderung für Kinder und Jugendliche sein; hier gilt es auf den bisherigen Aktivitäten im Bereich Leseförderung für Kinder und Jugendliche (Lesepaten, Käpt’n Book) aufzubauen und bei deren Weiterentwicklungen tatkräftig mitzuwirken.

 

- Geplant ist hier eine Zusammenarbeit mit dem Jungen Theater und den Bonner Schulen.

 

- Die Einrichtung einer »Jury der jungen Leser« (siehe: »Junge Kritiker« am Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium), die ein Jugendbuch bzw. einen Jugendbuchautor kürt, könnte Kinder und Jugendliche an das Literaturhaus binden.

 

- Nicht nur die Lese-, auch die Schreibförderung von Kindern und Jugendlichen wird eine wichtige Aufgabe des Hauses in Zusammenarbeit mit Bonner Schulen sein.

 

 

6) Angebot für Senioren

- Die demographische Entwicklung ist eine Tatsache, der man mit einem Angebot auch für Senioren Rechnung tragen sollte. Hier wäre zum Beispiel möglich, eine Reihe zu konzipieren »Das Literaturhaus zu Gast im Augustinum« oder im »Leoninum«.

 

 

7) Literaturtouristen und Unternehmen

- Kultur- und Literaturtouristen sowie in Bonn ansässige Unternehmen sind als Zielgruppe, die Wert auf ein Kultur- und Bildungsangebot legen, in die Programmüberlegungen einzubeziehen.

 

 

8) Intensivierung der Zusammenarbeit mit der Universität Bonn

- Die Universität Bonn hat nicht nur ein großes Institut für Germanistik, sondern auch Institute für viele europäische und außereuropäische Sprachen. Vor allem das (oder interessiertes?) wissenschaftliche Personal, auch aus Philosophie, Natur- und Gesellschaftswissenschaft sowie Studierende sind als Zielgruppe und Mitakteure einzubinden.

 

 

C) Orte

- Veranstaltungsorte

 

Die Veranstaltungen werden an unterschiedlichen Orten stattfinden (z.B. Universität, Theater Bonn und kleinere Spielstätten, Uni-Club, Buchhandlungen, Museen, Haus der Kultur, Haus an der Redoute, Kurfürstliches Gärtnerhaus, Ernst-Moritz-Arndt-Haus, Beethovenhaus, der Kreuzgang des Bonner Münsters etc.) Mittelfristig werden jedoch auch wieder eigene Veranstaltungsräume angestrebt.

 

- Ein Ort für das Literaturhaus

 

Literaturhäuser sind Orte des Lesens, des Austauschs und Verweilens. Teil ihres Erfolges, wie man an den Beispielen Berlin, Hamburg und München sieht, ist, neben einem attraktiven Programm, eine sympathische Gastronomie, ggf. eine kleine Buchhandlung, ein Ort, an dem man sich gern aufhält.

 

Es gibt in Bonn Immobilien, die ohnehin der Stadt gehören und von kulturellen Einrichtungen genutzt werden.

 

 

D) Öffentlichkeitsarbeit

Die Öffentlichkeitsarbeit ruht auf mehreren Säulen.

 

- Zentral ist ein gedrucktes Programm, das regelmäßig informiert und einen Wiedererkennungseffekt hat.

 

- Das Internet als niedrigschwelliges Kommunikationsmedium zwischen dem Literaturhaus Bonn und den literarisch interessierten Bürgerinnen und Bürgern soll künftig intensiver genutzt werden.

 

- Notwendig wäre dafür auch ein Relaunch der Website in einem ansprechenden, zeitgemäßen Design.

 

- Dazu gehört auch ein Newsletter und die Einladung der Mitglieder und der Interessenten per Email.

 

Auch Mitgliederwerbung läßt sich so gestalten.

 

 

E) Organisation/Personal

- Anders als in der Vergangenheit soll der Trägerverein des Literaturhauses Bonn eine aktive Rolle spielen. Der Vorstand des Vereins wird von der Mitgliederversammlung gewählt. Er wird den Leiter/die Leiterin des Literaturhauses bei der Arbeit unterstützen. Die konzeptionelle und administrative Arbeit soll auf mehrere Schultern (Vorstand/Leiter/in) verteilt werden, wobei die Besetzung einer Leiter(innen)stelle so bald als möglich erforderlich ist, zu der dann Teilzeit-/ Honorarkräfte hinzu kommen.

 

 

F) Finanzierung

- Zur Finanzierung aller dieser Vorschläge sind Fördermittel der Stadt Bonn und Projektmittel des Landes Nordrhein-Westfalen unverzichtbar.

 

- Ein genauer Wirtschaftsplan wird von dem neuen Vorstand erstellt.

 

- Dringend geboten ist es auch, einen Mitgliedsbeitrag zu erheben, einschließlich der Möglichkeit von Fördermitgliedschaft.

 

- Eine wichtige Aufgabe des Leiters/der Leiterin wird darin bestehen, weitere Mittel von Stiftungen, aus der privaten Wirtschaft und von Bonner Privatleutenzu akquirieren.

 

Die Umsetzung dieses Konzepts hängt u.a.von der Höhe der Zuschüsse ab. Energie, Begeisterung für die Sache und Engagement sind schon jetzt in den Reihen der neuen und alten Mitglieder vorhanden.

 

vorgelegt von der Konzeptgruppe

»Literaturhaus Bonn«

 

Dr. David Eisermann

Dr. Thomas Fechner-Smarsly

Anja Röhrig

Dr. Heidemarie Schumacher

Holger Schwab

Gregor Seferens

Michael Serrer

Benedikt Viertelhaus

Barbara Weidle

Astrid Weiher

Klaus Weise/Dr. Almuth Voß

 

Bonn, im August 2010

Grusswort

Roger Willemsen

Schirmherr 2010-2016

»Wie gut, dass die Literatur in Bonn endlich ein Dach bekommt: Große Autorinnen und Autoren, Romane und Dichtung, Vergangenheit und Gegenwart, Zeitkritik und Polemik, kunstvoll Ziseliertes und spontan Improvisiertes, lauter innere Ereignisse. Die Ressourcen der Literatur sind unerschöpflich, und sie bieten der Leserschaft unendliche Möglichkeiten der Selbstverwandlung an. Freuen Sie sich also, es ist angerichtet. Nun müssen nur noch die Gäste kommen: Sie.«



Gefördert vom Kulturamt der Bundesstadt Bonn und vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen

Stadt Bonn